Untersuchung & Diagnose

Der wichtigste Teil der Diagnostik besteht in der gezielten Befragung (Anamnese, Erhebung der Krankengeschichte) und einer ausführlichen körperlichen Untersuchung. Die Befragung und die Untersuchung ermöglichen dem behandelnden Arzt, sich ein umfassendes Bild über den aktuellen Zustand des Patienten zu machen und eine erste Verdachtsdiagnose zu stellen, die danach mit apparativen Untersuchungen bestätigt und dokumentiert werden kann.

Anamnese

Bei der Anamnese können folgende Aspekte hinterfragt werden:

Familienanamnese:

  • Bestehen schwerwiegende Erkrankungen bei Angehörigen?
  • Gibt es vererbbare Erkrankungen?
  • Gibt es Erkrankungen mit familiärer Häufung?

Sozialanamnese:

  • Schul- und Berufsausbildung?
  • Aktuelle Berufstätigkeit?
  • Versorgungssituation?
  • Familiäre Situation?

Bestehen Schmerzen?

  • Schmerzqualität (Stechend, brennend, bohrend, dumpf, ausstrahlend, usw.)?
  • Schmerzdauer (Seit wann, wie häufig, wie lange)?
  • Schmerzintensität (Wie stark)?
  • Schmerzlokalisation (Wo treten sie auf)?

Auffälligkeiten der Muskulatur und des Bewegungsapparats:

  • Wie stark und seit wann ?
  • Zunahme oder Abnahme der Auffälligkeit?
  • Bewegungseinschränkungen?
  • Blockierungen, Steifigkeit?
  • Wo treten die Veränderungen auf?
  • Schwäche in den Armen oder Beinen?
  • Verminderung der Kraftentwicklung?
  • Gangunsicherheit?

Hat die Regelblutung bereits eingesetzt? (Menarche, Pubarche), wichtig zur Beurteilung des weiteren Verlaufs, da das Längenwachstum nach Beginn der Regelblutung noch etwa 2 Jahre anhält.

Bestehende Erkrankungen: Erfragt werden bestehende Erkrankungen der Organsysteme:

  • Herz-Kreislauf
  • Lunge
  • Magen-Darm
  • Niere und ableitende Harnwege
  • Stoffwechselerkrankungen

Sind Allergien bekannt?

Wurden bereits Operationen durchgeführt?

Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung erfolgt am entkleideten Patienten und besteht aus der Inspektion, dem strukturierten Anschauen des Patienten, aus der Palpation, dem gezielten Abtasten, der neurologischen Untersuchung, sowie Funktions- und Bewegungsprüfungen.

Inspektion

Von vorne

  • Beckenschiefstand?
  • Beinachse korrekt?
  • Form des Brustkorbs?
  • Haltung von Kopf und Nacken?
  • Schulterhöhe seitengleich?

Von hinten

  • Lotabweichung der Wirbelsäule?
  • Verlauf der Dornfortsätze?
  • Muskelrelief?
  • Form des Brustkorbs?
  • Schulterhöhe seitengleich?
  • Beckengeradstand?
  • Taillendreiecke symmetrisch?
  • Michaelisraute symmetrisch?
  • Rumpfüberhang?
  • Lendenwulst beim Vorwärtsbeugen?
  • Rippenbuckel beim Vorwärtsbeugen?
  • Rippental sichtbar?

Von der Seite

  • Haltung von Kopf und Nacken?
  • Regelrechte Beckenkippung?
  • Seitliche Form der Wirbelsäule (sagittales Profil):
  • Rundrücken?
    • Hohlkreuz?
    • Hohlrundrücken?
    • Kyphose?
    • Flachrücken?

Palpation

  • Schmerz auslösbar?
  • Klopf- oder Stauchungsschmerz der Wirbelsäule auslösbar?
  • Druckschmerzhafte Muskulatur?
  • Dorn- und Querfortsätze schmerzhaft?
  • Iliosacralgelenke schmerzhaft?
  • Ischiasdruckpunkte (Valleixpunkte) schmerzhaft?
  • Liegen Muskelatrophien vor?
  • Zeigen sich Gelenkkontrakturen?

Neurologische Untersuchung

Die Untersuchung der Nerven hat in der Wirbelsäulenorthopädie eine wesentliche Bedeutung, da durch die orientierende neurologische Untersuchung geklärt werden kann, ob neurologische Auffälligkeiten, wie motorische oder sensible Ausfälle, Lähmungen oder eine Störung der Blasen-und Mastdarmfunktion vorliegen.
Bei akut aufgetretenen neurologischen Ausfällen muss die weitere Abklärung rasch durchgeführt werden. Untersucht werden:

  • Muskeleigenreflexe, mit denen die Funktionsfähigkeit des 2. Motoneurons in den jeweiligen Wirbelsäulenabschnitten überprüft wird. Der Reflex wird durch eine passive Dehnung der Muskulatur ausgelöst, zum Beispiel durch den Schlag mit dem Reflexhammer auf die Kniescheibensehne.
  • Fremdreflexe sind Reflexe, die ihren Effekt an einer anderen Stelle, nicht am Auslösungsort, hervorrufen. Beim Bauchdeckenreflex wird durch Streichen der Bauchhaut eine Kontraktur der Bauchmuskulatur ausgelöst.
  • Pathologische Reflexe sind Zeichen einer Schädigung der Pyramidenbahn und können beim Gesunden nicht ausgelöst werden.
  • Sensibilitätsprüfung Die Hautareale, die durch bestimmte Spinalnerven versorgt werden, nennt man Dermatome. Durch Feststellung von Gefühlsstörungen in diesen Hautbezirken, können Rückschlüsse auf den Ursprungsort eines Wirbelsäulenleidens gezogen werden.
  • Prüfung der groben Kraft der Muskelgruppen
  • Lasègue und Bragard Test: Bei einer Irritation der Nervenwurzel des Ischiasnervs werden durch Anheben des Beins am liegenden Patienten Schmerzen im Bein und Rücken ausgelöst.

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